Hier ist ein sehr interessantes Schriftstueck von Thomas Roemer. Er scheibt ueber die Hintergruende der "Umsonst und Draussen" Festivals, die von Freunden der Bands und den Bands selbst in Eigenregie und praktisch ohne Kapital aufgezogen wurden (in 1979 lockten wir ueber 120'000 Menschen an):

Die Auflösung; Das Endspiel; Goodbye-

Vorausgegangen war das Vlotho-Festival 79. Die Schlammgrube nach dem Unwetter das uns am DO kurz vor der Eröffnung erst mal als ausgewachsene Katastrophe und wirkliche Heimsuchung Alles in Klump gehauen hat.

Ich war da über 14 Tage.

Es gab bei diesem Aufbau mehrere von diesen großen Taten zu denen man nur fähig ist wenn „alle Leute“ zugleich mitmachen. Also in den Wald rennen und genügend Bäume, Langholz mit Genehmigung des Eigentümers ( weiß nicht mehr ob Gemeinde oder privat) für eine ganze Budenstadt, eine Bühne und Backstage Musikerwohnburgen die anmuteten wie aus 1001 und einer Nacht oder Madmax. Wunderschön wie der „real Ax Band“ der alte ?Ford? oder ich glaub sogar ?Opel? versandet war. Die hatten ihn mit dem Kühler voraus schräg in einer Vertiefung geparkt und er war nach dem Unwetter und der Sand und Geröll Lawine/ Strom/ Endmoräne vollgelaufen bis zu den Sitzen im Führerhaus.

Oder eben diese Bühne mit Allen Leuten anheben und um 20Grad drehen. Irgend Jemand hatte einen dieser Kiesgruben Riesen-Radlader mit Fahrer beauftragt etwas gegen den in der Mitte vor der Bühne entstandenen See zuzuschütten. Was dabei herauskam war ein Wall aus großen Steinen genau da wo wir uns die Tanzenden vorgestellt hatten. Also Bühne drehen uns zusätzlich den Wall mit Allen Leuten einfach händisch abtragen. Alles einfach wieder aufbauen, nach der gemeinsam erlebten Niederlage mit noch mehr Einsatz. Wir haben uns teilweise gegenseitig angeschrieen mit Durchhalteparolen.

Alle Leute das waren die Welche eben schon vorher da gewesen waren.

Dann war es vorbei

Das fiel an so Sachen auf dass man davon aufwachte in der Tourbuswagengemeinsamburg von einem Geräusch das wie ein Wasserfall klang aber davon herrührte dass noch mehr Leute als Alle unser offen gestaltetes Wohn- und Produktionsdorf als Toilette benutzten.

Alle Leute wurden überrannt von unbeherrschbar viel mehr Leuten.

Man traf sich wieder im Sanitätszelt wo plötzlich lauter blutende Leute um Einen waren. Schnittverletzungen an den Füßen, andere Scherben Schnitte und Schürfwunden. Eine Frau ist zur Entbindung gefahren worden ging das Gerücht.

An den Foodständen ist es dem Anschein nach ganz gut gelaufen. Nach dem Ergebnis von 78 wo ja ein nicht unerheblicher Gewinn in der Kasse geblieben war man gut vorbereitet. Das gute Wetter nach dem Gewitter trug dazu bei. 120 000 sollen es gewesen sein.

Ich lebte die letzten drei Tage auf diesem Massen Urinal hatte Schwierigkeiten weil es nichts ordentliches mehr zu Essen gab und keine Ruhe zu finden.

Unser alter 913 Mercedes mit dem Sonder-Aufbau hinten Das große Portal das man ganz umklappen konnte so dass man aus diesem Wagen, wenn er gut platziert war immer Überblick und beste Aussicht genießen konnte bei den „Draußen“, ist, von einem Liebhaber der ihn uns abgekauft hat so zuckelnd und wackelnd die Kiesgruben-Auffahrt hinaus gefahren, davongeschlichen.

Am besten war es immer auf der Bühne, auch als wir selber gespielt haben.

Ach wir haben auch gespielt. Samstag Abend vor Sonnenuntergang aber schon im Schatten der Grube. Gute Verhältnisse schon für die Beleuchtung auf der Bühne aber noch nicht dunkel. Die Massen vor der Bühne schwelgten und feuerten uns an. Sie Tanzten und der Staub hob sich vor der Bühne. Auch hinter und neben uns Alles voll mit Leuten. Die zusammengelegten PA s der Schneeball-Bands voll aufgedreht und eine starke Musik auf der Bühne.

Ich hatte zum ersten mal so etwas wie ein Kulissenteil soweit gebracht in der Idee mit Mizza, Mutter von Stella, und der Anfertigung, es war ein Pappteil mit bunten Folien filigran beklebt ( ich glaub auch mit Hanfsymbolen) das eine Tankstelle ( Energiezapfsäule stand da drauf) darstellte. An der Seite ein langer dicker grüner Schlauch und als Zapfhahn eine große Prilflasche. Die Bass Box war damit überstülpt. Aus dem Schlauch vorne kam grüner Rauch. Wir haben da unsere Energie zum zapfen zu Verfügung gestellt. Das hat bei dem Gig auch geklappt.

Überhaupt haben wir dieses Munju-Konzert das dann doch stattfand in positiver Erinnerung. Wir hatten es erobert. Wir wurden als wir aufhörten gefeiert aber zu einer Zugabe ist es dann nicht mehr gekommen. In dem kurzen fast ein wenig stillen Moment beim Verklingen der Töne vor dem Applaus. Der Nackte mit dem rot angemalten, rasierten Schwanz von der „KINDERKOMMUNENÜRNBERG“ war plötzlich auf der Bühne und griff sich ein offenes Mikrophon und schrie hinein „Vlotho 1979!! DISCOTHEK DER EINSAMKEIT“.

Wir haben damals einiges an Scheiße mit gefeatured!

Trittbrettfahrer unserer freiheitlichen Ideen und Einstellung.

Es tummelten sich große Spießer, echt übles Gesindel und sonstige „autonome“ Gruppierungen unter uns „Jeder für sich und“ Alles in Einem Selbst-Helden, Gutmenschen, Musikern, Produzenten, Schallplatten-Vertreibern, Alles auf die Beine-Stellern, immer mit machenden begeisterten Wasserträgern.

Das Festival ging zu Ende.

Ich weiß noch genau dass in Jahr zuvor noch ganz anders gewesen war. Das Wetter war zwar nicht so gut gewesen aber auf der anders platzierten Bühne hatte man mehr Raum für wirkliche Begegnung. Ich kann mich an Gespräche erinnern, Sessions und an echt schöne Konzerte und bei uns einen großen Tanz und ein stolzes Gefühl nachher.

1976/77 Wir haben ja auch immer unterm Jahr diese Versammlungen abgehalten. „Isselhorst“ heißt der Platz, auf halbem Weg zwischen Herford und Bielefeld. Da gab es ein paar Leute die eine Kneipe mit Kino betrieben. Ich hab da einige Underground Filme gesehen es fehlen mir die Namen. Dort jedenfalls traf sich die ganze Scene und plante neben den Schneeball-Abrechnungen die Vlotho-Festivals. Zuerst war da die Idee es könnte Festivals geben, sozusagen als Gegenentwurf zu Altamont, Isle of wight und Allem Anderen Schrecklichem was, hervorgerufen durch Zäune und die davon repräsentierten Herrschaftsstrukturen vornehmlich dem Geld und sonst noch Allem, um das gemeinsame Singen und Tanzen herum passierte, die „umsonst und draußen“ stattfinden könnten. Es sollte gar keine Zuschauer geben nur Mitmachende. Jeder Jeden befruchtend gemeinsam feiern. Mir ist davon nur von den Alten gesungen worden. Ich war beim Ersten mal im Steinbruch nicht anwesend. Aber es war dann, obwohl schon auf dem Sportplatz in Herford ( war das dieser rote Sandplatz oder verwechsle ich den grad mit dem in SanPedro oder waren beide rot) jedenfalls ganz deutlich da. Dass Alle Künstler sind. Dass das Konzert genauso vor der Bühne stattfindet. Ich bin trommelnd selbst beim Umzug bei dem alle zum Mitmachen aufgefordert wurden in den ersten Reihen herumgetanzt. Es gab alle möglichen Workshops. Also die musikalischen Begegnungen die dort stattgefunden haben sind für mich tatsächlich prägend gewesen. Das war echt multikulturell. Das war auch neu. Für viele waren das erste Momente sich auszuprobieren. Den persönlichen Gegenentwurf zu dem von zuhause oder der Gesellschaft vorgegebenen Bahnen. Außerhalb der Normen. Mit einer Idee. Getragen von der Zustimmung aus den eigenen Reihen. „anything goes“. Alternativ handeln, leben und wenn auch nur eingebildet, spielerisch. Auf den Festivals kam es durch das Erleben dieses Zulaufs, des Wachsens einer Bewegung manchmal zu richtiger Euphorie. Man hatte eine Form der Versammlung gefunden die weder an die Massen - Veranstaltungen unserer Väter erinnerte noch sich angestrengt, aggressiv und ideologisch festgelegt an vorhandene politische Muster halten musste. Und zumindest scheinbar hatten wir den „Kommerz“ draußen gehalten. Wir hatten die „Peking Oper“ von der Schwulen – Band, Massentrommeleien, Weltmusik, Selbstgemachtestes,

Wenn wir in wechselnden Besetzungen spielend oder zuhörend erleben konnten wie jeder seine Ausdrucksform für die beste Musik gesucht hat. Sozusagen offene Akademie, Experimentierfeld, großes TamTam, Beschwörungen, Umzüge, Theateraufführungen, Gaukler, Handwerker und Butiken und Sessions. Richtig sessiongeil waren Alle. Einmal haben wir Alle zusammen sogar die Regenwolken vertrieben und die Sonne herbeigetrommelt.

Thomas Roemer